„Evangelische Lenore-Volz-Kirchengemeinde Bad Cannstatt“ – so wird unsere neue (große) Gemeinde heißen. Reaktionen auf diesen Namen gab es schon sehr verschiedene: Von „Wer ist das?“ bis „Ich kannte sie persönlich.“

 

Grund genug, Lenore Volz hier genauer vorzustellen. Sie war eine Vorkämpferin für die Frauenordination in Württemberg und wirkte in Bad Cannstatt.

 

 

 

Geboren wurde Lenore Volz 1913 in Waiblingen in einer christlich-sozial engagierten Familie. Ihre Mutter war eine Nachfahrin des Reformators Johannes Brenz. Nach dem Besuch des Königin-Katharina-Stifts entschied Lenore Volz sich für das Theologiestudium, obwohl es damals keinerlei berufliche Perspektiven für Theologinnen gab, „weil ich Gott und sein Wort kennenlernen und mich ein ganzes Leben lang hauptberuflich damit beschäftigen wollte“ – wie sie selbst in ihrer Autobiografie „Talar nicht vorgesehen“ (Quell-Verlag 1994) schrieb.

 

1933 immatrikulierte sie sich in Tübingen und war eine von 12 Frauen unter rund 900 Studenten, die dort Evangelische Theologie studierten. 1935 ging sie für ein Jahr nach Greifswald. Nachdem sie ihre Erste theologische Dienstprüfung in Tübingen abgelegt hatte, bekam sie keine Stelle.

 

Erst nachdem der Zweite Weltkrieg begonnen hatte und viele Pfarrer und Vikare zum Wehrdienst eingezogen wurden, erhielt Lenore Volz 1939 plötzlich eine Stelle als „theologische Praktikantin" in Münsingen. 1940 wurde sie nach Bad Cannstatt als „Pfarrgehilfin“ versetzt. Ihr Dienstverhältnis war völlig ungesichert und schlecht bezahlt. Bei vollem Dienstauftrag erhielten die Theologinnen nur 75% des Gehalts eines Vikars!

 

Es galt der Grundsatz, dass Theologinnen nur vor Frauen und Mädchen biblische Andachten halten dürfen. Auch durften Theologinnen bis 1968 im Krankenhaus nur bei Frauen, Mädchen und Kindern Besuche machen!

 

Auch die damals noch junge Wicherngemeinde „kam 1940 erstmals mit einer weiblichen Theologin, Frau Lenore Volz, … in Berührung. Sie durfte allerdings nicht ‘auf die Kanzel’“, schreibt Günther Rohm in seiner Geschichte der Wicherngemeinde.

 

Eigentlich hätte sie im Gymnasium Religionsunterricht geben sollen. Dafür hätte sie aber einen Eid auf Hitler ablegen müssen, was ihr sehr schwer gefallen wäre und sie in einen Pflichtenkonflikt brachte. Schließlich legte sei keinen Eid ab und die Schülerinnen des Gymnasiums wurden zu einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft morgens von 7.00 bis 7.45 Uhr in Ev. Vereinshaus eingeladen. Und sie kamen. Auch aus der Wicherngemeinde.

 

Erst 1942 gab es – kriegsbedingt – einen Erlass der Kirchenleitung, nach dem auch Frauen als „Pfarrgehilfinnen" Gottesdienste halten durften. Unter schwierigsten Bedingungen hat Lenore Volz in der Kriegszeit und danach viele Cannstatter Gemeinden betreut.

 

Zu ihrer Enttäuschung beschnitt die Theologinnenordnung 1948 die Aufgaben der Frauen im kirchlichen Dienst wieder. Predigten waren seither wieder Männersache. Sie arbeitete als Pfarrvikarin weiterhin in der Luthergemeinde, wo sie große Wertschätzung erfuhr.

 

In den 1950er Jahren übernahm Lenore Volz zusätzlich Aufgaben in der Landeskirche und beschäftigte sich mit kirchenpolitischer Grundsatzarbeit. Meist war sie die einzige Frau in den Gremien und vertrat Thesen, die als richtungsweisend galten. Allerdings brauchte sie viel psychologisches Geschick, damit die Wortbeiträge einer Frau überhaupt gehört und bedacht wurden.

 

Als Vorsitzende des Theologinnenkonventes in Württemberg (ab 1965) hat sie biblisch-theologisch fundiert entscheidend dazu beigetragen, dass 1968 die Ordination und Gleichstellung der Theologinnen von der Synode beschlossen wurde. Zusammen mit zwei Mitstreiterinnen und drei männlichen Theologen erarbeitete sie eine Studie über das geistliche Amt der Frau und gab diese 1967 heraus. Für das Vorwort dazu hatte sie Richard von Weizsäcker gewonnen. Daneben reiste sie durch Württemberg und hielt viele Vorträge und führte viele Gespräche zum Thema. Erfolgreich.

 

1970 wurde die erste Gemeindepfarrerin in Württemberg ordiniert. Lenore Volz wurde im selben Jahr Krankenhauspfarrerin in Cannstatt, wo sie einen maßgeblichen Beitrag zur Krankenhausseelsorge leistete. Ab 1972 baute sie einen ehrenamtlichen Besuchsdienst auf. 1978 ging Lenore Volz in den Ruhestand. Sie war weiterhin ehrenamtlich aktiv in der Kirche. Sie starb am 26. September 2009 in Stuttgart. Ihr Grab ist auf dem Uffkirchhof in Cannstatt.

 

Bettina Hoy