Wie man glaubt, so baut man. Evangelische Kirchenräume seit der Reformation bis zu Heinz Rall.

Evangelische Kirchenräume seit der Reformation bis zu Heinz Rall.

Einen ebenso informativen wie kurzweiligen Querschnitt durch die Kirchenbaugeschichte bis hin zum Architekten der Sommerrainkirche, Heinz Rall (1920-2006), bot der aus Anlass des Reformationsjubiläums eingeladene Kunstbeauftragte der Landeskirche, der Theologe und Kunsthistoriker Kirchenrat Reinhard Lambert Auer den Gästen seines Vortrages am Samstag, den 28. 10. 2017 im Fünfecksaal der Sommerrainkirche.

 

Die interessierten Zuhörer erfuhren im ersten Teil des Vortrags, wie die Grundform der Basilika, eine vom römischen Versammlungsraum abgeleitete Langhausform der Kirche mit drei bis fünf Schiffen für Jahrhunderte Bestand hatte und durch die Reformation ab dem 16. Jhrd. verschiedene Neuinterpretationen erfuhr. Genannt seien hier die anfänglich in vorhandene Kirchen eingebauten Emporen oder auch die Querausrichtung des Kirchenraumes, bei der die für den protestantischen Predigtgottesdienst wichtiger gewordene Kanzel ihren Platz in der Mitte der Langhauswand erhielt, was am Beispiel der Schlosskirche in Torgau, einer früh von Luther beeinflussten Predigtstätte, ebenso wie in der Stuttgarter Schlosskirche zu sehen ist. Überhaupt wirkte sich das Primat des Wortes auf die Ausstattung des protestantischen Kircheninneren aus, das im Gegensatz zur katholisch-barocken und gegenreformatorischen Inszenierung meist mehr Nüchternheit und Leere zeigte.

 

Besonderen Einfluss auf die Veränderungen im Kirchenraum nahm auch die zum Selbstverständnis der evangelischen Theologie gehörende Vorstellung vom „Priestertum aller Gläubigen“, die zu verschiedenen Grundrissideen führte. Die als ideal geltende Zentralbauform, bei der sich die Gemeinde konzentrisch auf die Mitte ausrichtet, in der der Altar steht, hat sich aus praktischen Gründen kaum durchgesetzt: Der Predigende hat dabei immer einen Teil der Gemeinde im Rücken. Praktikabler, doch deutlich weniger mit sakraler Wirkung verbunden ist ein Kirchenraum, wie ihn ein „Temple“ der französischen Hugenotten gemäß einem überlieferten Bild zeigt: Er ähnelte wohl einem Anatomie- oder Vorlesungssaal.

 

Der zweite Teil des Vortrags widmete sich dem Kirchenbau der Region im 20. Jhrd., insbesondere der Architektur Heinz Ralls, der zwischen 1955 und 1980 für 25 Kirchenneubauten verantwortlich war, unter anderem für die Sommerrain- und die benachbarte Stephanuskirche. Es zeigte sich an verschiedenen Vergleichsbeispielen, warum Heinz Rall berechtigter Weise häufig die ausgeschriebenen Wettbewerbe gewann: Mancher Architekt holte noch in der Nachkriegszeit die überkommenen Formen des kastenförmigen Langhauses mit angrenzendem Turm samt Turmuhr und Satteldach wieder hervor. Nicht auf aufgesetzte Dekorationen setzte Rall, sondern er entwickelte neue Formen und nutzte zeitgenössische Materialien. So sei der fünfeckige Grundriss der Sommerrainkirche (1966), der in Ralls Typologie der Grundrisse bereits seit 1963 mehrfach auftauchte, ein absolutes Novum im Kirchenbau, so Auer. Rall habe durch die Neudenkung der Bauform immer wieder eine Wettbewerbsjury überzeugt. Sein Büro, so erfuhr man, baute vor allem Kircheninnenräume mit sakraler Ausstrahlung, doch auch einige wenige Multifunktionsräume (Räume mit veränderbarer Funktion), eine Idee, die in den Diskussionen um den Kirchenbau in den 60er Jahren des 20. Jhrds. aufkam. Heute wisse man, dass die Sakralräume besser in der Lage seien, ein religiöses Bedürfnis zu erfüllen als die Multifunktionsräume, erklärte Auer. Im Hinblick auf das Ende des Kirchenbaubooms der Nachkriegszeit seien seit den 80er Jahren aber kaum neue Kirchen entstanden.

 

Nach einer kleinen Pause mit Snacks und Getränken ergab sich die Möglichkeit zu Fragen. Eine anschließende gemeinsame Begehung der seit 1966 im Wesentlichen unverändert gebliebenen Sommerrainkirche schloss den Abend ab, für die Beteiligten hat sich dabei ein größerer Zusammenhang aufgetan.

  

 Christian Lang