Architekt, Architektur, Zeit und Kunst der Sommerrainkirche

Das Evangelische Gemeindezentrum Sommerrain

  

 

Markant steht nach Art italienischer Campanile frei neben der weißen Sommerrainkirche der mit waagerechten Kupferplatten verkleidete grüne, spitz zulaufende und völlig fensterlose Glockenturm. Ein wenig scheint es, als rage hier die Spitze einer schuppigen, grün korrodierten Kupfernadel heraus, die auf der anderen Seite der Erdkugel eingestochen wurde. Auch als "Zahnstocher Gottes" wird er gerne liebevoll bezeichnet.

 

Am 15. 05. 1966 wurde die von dem Architekturbüro Rall und Partner entworfene Sommerrainkirche eingeweiht. Zu dem Ensemble von Kirchengebäude und Turm gehört noch ein separater Bau, der Kindergarten, Pfarrbüro und Pfarrwohnung birgt, außerdem Gemeinderäume in einem Gebäudeausleger hinter, bzw. unterhalb des Kirchenraums.

 

Der Architekt Heinz Rall (1920 – 2006), der die Kirche unter Mitarbeit von Helmut Wurm und Hardo Achterberg plante, erbaute zwischen 1955 und 1980 zwanzig evangelische Kirchen. Häufig kam er als Gewinner ausgeschriebener Wettbewerbe an die Bauaufträge. Die Stephanuskirche in unmittelbarer Nachbarschaft der  Sommerrainkirche ist dafür ein frühes Beispiel, sie wurde 1960 eingeweiht.

 

Der Verein für Kirche und Kunst in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg veröffentlichte 2001 in Zusammenarbeit mit Heinz Rall ein Buch über dessen Kirchenbauten, dessen Titelseite der Turm der Sommerrainkirche ziert. Der nachfolgende Baubericht und weitere Zitate Ralls sind diesem Buch entnommen, sowie viele diesem Text zugrunde liegende Informationen zur Kirchenbaudiskussion vor 1966.

 

Baubericht 1966

Das umfangreiche Bauprogramm mit Kirche, Gemeindesaal, Räume für Erwachsene und Jugendliche, Kindergarten und Pfarrwohnung musste auf einem ungewöhnlich kleinen Grundstück verwirklicht werden. Um die für eine solche Aufgabe erforderlichen Freiflächen zu erhalten, wurde der Gemeindesaal im freiliegenden Untergeschoss und die Pfarrwohnung über dem Kindergarten angeordnet. Der 36 m hohe Kirchturm steht im Blickfeld der Zugangsstraßen und kennzeichnet den Haupteingang zur Kirche. Die äußere Form der Kirche ist im Wesentlichen durch die Gestaltung des Innenraumes bestimmt. Der Grundriss der Kirche ist ein Fünfeck, in dem sich Gemeinderaum und Altarbereich gegenseitig öffnen und umschließen. Über den Kirchenraum spannt sich ein weites, bergendes Dach, das im Innern mit hellem Tannenholz verschalt ist. Die geschlossene Altarwand aus Sichtbeton und die durch schmale Lichtbänder gegliederten Seitenwände ergeben einen von der Außenwelt abgeschirmten, vorwiegend nach innen gerichteten Raum.

Heinz Rall (1)

  

Dieser „abgeschirmte, nach innen gerichtete Bau“ ist ein wesentliches Element von Ralls Kirchenarchitektur, die sich in vielen Variationen im Laufe der Jahre damit auseinandersetzte, wie einem Raum auf moderne Weise ein sakraler Charakter verliehen werden kann. Ab den Fünfzigerjahren entspann sich eine Diskussion darüber, wie ein moderner evangelischer Kirchenraum beschaffen sein müsste, welchen alltäglichen Erfordernissen einer Gemeinde man auch räumlich gerecht werden müsse. Vielerorts entstanden in den Sechziger- und Siebzigerjahren Multifunktionsräume, bei denen die sakrale Nutzmöglichkeit eine von vielen war – was eine gewisse Versachlichung des Raumcharakters nach sich zog, das sonntäglich Feierliche zugunsten einer mobileren, Welt zugewandteren Zweckdienlichkeit zurücktreten ließ. Auf dem Kirchbautag1966 formulierte Rall:

 

„Es ist keine Frage, dass Umwälzungen auf allen Lebensgebieten auch eine neue Form kirchlichen Lebens und damit auch Bauens erfordern. Vom baulichen Provisorium über die mobile Versammlungshalle bis hin zum Sakralbau historischer oder moderner Prägung.“(2)

 

Die Sommerrainkirche ist keiner dieser Multifunktionsräume, Rall strebte sie nie an, folgte hier der Ansicht des Kirchenarchitekten Otto Bartning von 1957, dass ein Kirchenraum „aus der liturgischen Handlung leben“ soll, dass ebenso „die liturgische Handlung nicht auf die begleitende Kraft des Raumes verzichten“(3) kann. Das „umfangreiche Raumprogramm“, von dem im Baubericht die Rede ist, zeigt, dass eine Trennung zwischen sakralen und gemeindetechnischen Bereichen angestrebt wurde, ein Gemeindezentrum entstehen sollte, dass Rall hier eine optimale Lösung für die Bedürfnisse der Sommerraingemeinde unter den Ortsgegebenheiten entwickeln musste. Die im Kirchenbau der Entstehungszeit wichtig gewordenen demokratischeren Raumanforderungen wurden also separiert auf wenig Grundfläche verwirklicht.

 

Heinz Rall baute zeitgenössische Kirchenräume mit sakralem Charakter, hielt also am besonderen und feierlichen Raumcharakter fest, versuchte aber, das als sakral Empfundene in zeitgemäße architektonische Lösungen einzubetten, dafür neue Bauformen zu erproben. Gut sichtbar ist das schon am Vergleich zwischen Stephanus- und Sommerrainkirche, die nur fünf Jahre auseinander liegen: Beide zeigen ungewöhnliche und neuartige Raumformungen. Beide sind traditionell ausgerichtet auf einen Altar. Die  Sommerraingemeinde löst den traditionelleren rechteckigen Langhausgrundriss der Stephanuskirche jedoch ab durch die damals bei Kirchengrundrissen neue Form des Fünfecks, die für den Sakralraum notwendige Gerichtetheit wird also in einer anderen Raumform erreicht. Obwohl der Altarraum der Sommerrainkirche in einer der Ecken des Fünfecks ist, bildet sich durch den Verlauf der Raumkanten, die Anordnung der Sitzbänke und das Gegenüber der Orgelempore dort das Zentrum des Kircheninneren, auf das alles weist und von dem alles ausgeht.

 

Dass Heinz Rall aktuellen Strömungen der Architektur gegenüber aufgeschlossen war und diese in seine Architektur einbrachte, zeigt sich am Beispiel der Sommerrainkirche an verschiedenen gestalterischen Mitteln: an der Verwendung des nüchternen Sichtbetons, an naturbelassenen Materialien, an der geometrisch- skulpturalen Auffassung des Kirchengebäudes als ein durch Dachneigungen innen wie außen auf den Gleichgewichtssinn des Besuchers wirksamer Bau, sichtbar auch im gut nachvollziehbaren statischen Kräfteverlauf, ebenso an der Verwendung von rhythmisierenden senkrechten, sowie zwischen Dach und Betonwand waagerechten Lichtbändern, wie sie schon Le Corbusier 1950-55 in der Chapelle Notre Dame du Ronchamp verwendete, um der Decke optisch die massive Schwere zu nehmen. Auch das ruhige, kubisch – nüchterne Gebäude des Kindergartens mit Pfarramt und Pfarrwohnung erinnert durch Form schließende Betonbänder im Balkonbereich des Obergeschosses an Bauten der klassisch modernen Architektur, wie sie vergleichbar durch Le Corbusier in der Weißenhofsiedlung Stuttgart von 1927 vertreten sind. Noch im Alter konnte sich Rall für nachfolgende Architekten begeistern, zum Beispiel für Zaha Hadid.

 

Rall suchte über die Raumgestaltung der Kirchen neue Ausdrucksformen für das Ziel, Gebets- und Andachtsstätte, Raum der Stille und Geborgenheit zu sein. Eine Ruhe der Formen und Farben sollte sich auf den Besucher übertragen können. Dafür versuchte er auch, zeitgenössische Kunstwerke ihm persönlich bekannter Künstler in den Bau organisch einzubinden, die, so Rall 1966, „die Ausdruckskraft moderner, nicht vordergründig kirchlicher Kunst nutzen.“ (4)

  

Die Buntglasfenster von Gerhard Dreher in der Sommerrainkirche fügen sich mit ihren grob strukturierten abstrakten Motiven gut in den Sichtbeton-Innenraum der Sommerrainkirche ein. Zwar stehen farbige Kirchenfenster in der Tradition mittelalterlicher Glasmalereien, doch in ihrer Reduktion auf Farbe und Form sind die der Sommerrainkirche keine historisch üblichen Illustrationen bestimmter biblischer Inhalte, sie lassen stattdessen vielfältige und meditativ wirksame Assoziationen im christlichen Kontext zu: Feuer, Schlange, Fluss, Pyramide, Auge Gottes, Blatt, Stern, Fisch, Fußspur oder Turm… . Traditioneller gestaltet sind die bronzenen Türgriffe von Sigrid von Liebenstein des Kirchenportals, die Adam und Eva naturalistisch und in bekannter Ikonografie zeigen.

 

Die Sommerrainkirche von Heinz Rall feiert 2016 ihren fünfzigsten Geburtstag. Die Zeit ist an ihr nicht spurlos vorüber gegangen, Materialien altern. Dazu kommt, dass Zeitgeschmack, Energiestandards und Anforderungen der Gemeinde sich ständig wandeln. Insgesamt aber präsentiert sie sich auch heute noch in ihrem 1965 gegebenen Erscheinungsbild. Nie fiel zum Beispiel der Sichtbeton momentanen ästhetischen Interessen zum Opfer, wie dies bei vergleichbaren Kirchen Ralls geschehen ist.

 

Das Kirchengebäude wurde 2008/ 2009 durch den Stuttgarter Architekt H. Kühfuß teilrenoviert und der Eingangsbereich sinnvoll mit einer Rollstuhlrampe versehen, ohne dass dem Charakter von Ralls Architektur damit Schaden zugefügt wurde. Rall war sich solcher Notwendigkeiten bewusst, äußerte aber 2001, fünf Jahre vor seinem Tod auch Befürchtungen:

 

„Auch unsere Kirchen werden eines Tages aus mancherlei Gründen erneuert, ergänzt und vielleicht sogar abgebrochen. Die Baugeschichte ist voll von guten und schlechten Beispielen. Die Kirchen der Nachkriegsjahre sind oftmals karg und spröde – aber sie sind auch der Spiegel einer Zeitepoche. Für sie gilt noch immer (Otto) Bartnings Wunsch: „Gott erhalte euch euren Rohbau.“ Was ihnen nicht gut anstünde, sind Veränderungen, die die Klarheit und die Kraft des Raumes schmälern und eine Verschönerung durch nachträgliche dekorative Ausschmückung.“ (1)

 

Christian Lang

 

 

Literatur:

(1) 25 Jahre evangelischer Kirchenbau/ Rall und Partner/ 1955-1980/ Forum Verlag Stuttgart 2001

darin zitiert aus:

(2) Rede Otto Bartnings auf dem Kirchenbautag Berlin 1957

(3) Rede Heinz Ralls auf dem Kirchenbautag 1966

(4) Heinz Rall: Zum Kirchenbau des letzten Jahrzehnts/ Jahresgabe 1966/ Verein für christl. Kunst in der ev. Kirche Württembergs

 

Mit freundlicher Genehmigung durch den Verein für Kirche und Kunst in der Evangelischen Landeskirche Baden Württemberg und durch Elvira Nägele, Architektin in Güglingen und ehemalige Mitarbeiterin von Heinz Rall, die das Urheberrecht seiner architektonischen Tätigkeiten besitzt.